J. MILLER CHERNOFF „RHYTHMEN DER GEMEINSCHAFT“ ZITATE AUS MEINER BUCHEMPFEHLUNG

Rhythmen der Gemeinschaft, hier weiterlesen
Musik und Sensibilität im afrikanischen Leben, John Miller Chernoff Peter Hammer Verlag

Faszination des Fremden
…Aber eigentlich liebte ich die Dagomba-Musik aus einem anderen Grund: ihr Trommeln war absolut unverständlich für mich. Ich konnte einfach nicht hören, wo die metrischen Grundschläge waren oder wie die einzelnen Parts zusammengehörten. Immer, wenn ich die Möglichkeit hatte, dieser Trommelmusik zuzuhören, verlor ich völlig die Orientierung. Kurz gesagt: sie erschien mir wunderbar in ihrer Komplexität und zog mich magisch an.(S.23)

Trommeln und Tanz
…der da trommelt, tut, was er fühlt. Manchmal tanzen, wenn er trommelt, gleichzeitig Menschen. Er beobachtet ihre Füße und wie sie ihre Füße beim Tanz bewegen. Er beobachtet die Bewegungen des Körpers und der Füße, und je nachdem, wie der Tänzer seine Schritte in diesem Tanz wählt, so wird er ihn trommelnd begleiten. (…) Wenn der Tänzer seine Füße hebt und den Körper bewegt, dann spielt der Trommler Musik, die genau zu diesen Bewegungen passt. Dann kannst du ganz deutlich sehen, wie sich beides zusammenfügt und wie die Wechsel übereinstimmen mit der Art des Tanzens. Wenn er beginnt, den Körper und die Füße zu bewegen, spielt der Trommler so, wie er tanzt. Sobald er aufhört, endet auch das Trommeln, das zu ihm gehört. (…) Und wenn sie im Kreis tanzen und ein Tänzer kommt zu dem, der trommelt, dann wird der Trommler speziell für diesen Tänzer trommeln. (S.135)

Der Trommler
…An einem sehr heißen Tag lief mir beim Trommeln der Schweiß in die Augen. Ich schloß die Augen, um ungestört weiterspielen zu können. Da hörte ich Ibrahim (den Lehrer) plötzlich rufen:“John, he John, schläfst du? Schau mich an, – schlafe ich etwa beim Spielen?“ Ich mußte lachen und meinte, er fände das Trommeln hier vielleicht einfach, für mich wäre es jedenfalls Arbeit. Er schüttelte den Kopf. „Du liegst noch nicht im Bett. Wenn du schlafen willst, solltest du nicht Dundun spielen, sondern ins Bett gehen.“ Ein Trommler muss in der Lage sein, die Menschen seiner Umgebung wahrzunehmen und auf sie zu reagieren.(S.89)

…Indem er die Rhythmenwechsel bestimmt, lenkt der (Meister-)Trommler die Entwicklung des gesamten Geschehens. Die Teilnehmer sind mit den Rhythmen der Szenerie beschäftigt, und der Trommler organisiert und zentriert die Darstellung der Kraft sowohl auf der sozialen wie auf der musikalischen Seite durch seine profunden und mit Bedacht eingesetzten ästhetischen Fähigkeiten….(S.138)

…Ein einziger Ton an der richtigen Stelle platziert, beweist die Kraft eines Trommlers besser als die Ausführung einer ganzen, technisch komplizierten Phrase. Ein guter Trommler hat die Fähigkeit, alle Rhythmen gleichzeitig zu hören und dann noch Platz für seinen eigenen zu finden. Er balanciert mit seinen Schwerpunkten immer am Rande des Chaos und macht aus den vereinzelten und miteinander streitenden Rhythmen ein Ganzes. (…) Er braucht nicht ständig den Rhythmus zu wechseln, denn es geht ihm gar nicht darum, alle Möglichkeiten für sich zu beanspruchen. Er versteht sich als Teil des Ensembles. Er weiß, dass er nicht alles beisteuern muss, was das Ergebniss interessant macht, und dass er lediglich ein paar Vorschläge machen kann, wie das Potential zu nutzen ist….(S.139)